Wie können faire Karrierechancen für Frauen und Männer in der Tourismusbranche geschaffen werden? Welche Rolle spielen unbewusste Vorurteile, Unternehmenskultur und finanzielle Unabhängigkeit? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigten sich rund 40 Mitarbeitende, Führungskräfte und Geschäftsführende aus der Tourismusbranche beim ersten Gender Equality Lab in Berlin, zu Gast bei Chamäleon Reisen. Der eintägige Workshop bot Raum für offene Gespräche, persönliche Erfahrungen und konkrete Ansätze für mehr Geschlechtergerechtigkeit im Arbeitsleben.
Das Gender Equality Lab ist Teil des Projekts „LEAD³ – Learn. Empower. Advance. Develop.“ der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) und wird vom Deutschen Reiseverband (DRV) und vom Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) unterstützt.
Zum Auftakt der Veranstaltung unterstrichen DRV-Hauptgeschäftsführer Achim Wehrmann und BTW-Generalsekretär Sven Liebert die Bedeutung des Themas und die Unterstützung beider Verbände.
„Die Tourismusbranche lebt von Vielfalt, Offenheit und den Menschen, die sie gestalten. Umso wichtiger ist es, dass Frauen und Männer die gleichen Chancen haben, Verantwortung zu übernehmen, Karriere zu machen und ihre Potenziale einzubringen. Das Gender Equality Lab setzt genau hier an: Es bietet wichtige Impulse für die Praxis und einen Raum für ehrlichen Austausch und konkrete Ideen, wie wir faire Rahmenbedingungen in unseren Unternehmen und Organisationen weiter stärken können“, so Sven Liebert, Generalsekretär des BTW.
„Geschlechtergerechtigkeit ist kein reines Frauenthema. Wirkliche Chancengleichheit gelingt nur, wenn sich Frauen wie Männer einbringen. Das gilt insbesondere für Führungskräfte, die Verantwortung für Personal, Unternehmenskultur und Entwicklungsmöglichkeiten tragen“, erklärt Achim Wehrmann, Hauptgeschäftsführer des DRV. „Das Gender Equality Lab schafft einen wichtigen Raum, um offen über bestehende Hürden zu sprechen, unterschiedliche Erfahrungen sichtbar zu machen und gemeinsam konkrete Veränderungen anzustoßen.“
Fakten, Impulse und persönliche Erfahrungen
Den Auftakt bildete ein Fakten-Check von Anne Rösener (PEOPLE MIND) zur Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt. Dabei wurde deutlich, dass Frauen in Deutschland weiterhin deutlich seltener Führungspositionen innehaben als Männer: Ihr Anteil liegt bei 29,1 Prozent und damit unter dem EU-Durchschnitt von 35,2 Prozent. Auch der Blick auf die weltweite Entwicklung zeigt, dass Geschlechterparität noch in weiter Ferne liegt.
Claudia Müller (Female Finance Forum) widmete sich in ihrem Impulsvortrag dem Thema „Female Finance“ und damit dem Zusammenhang zwischen beruflicher Entwicklung und finanzieller Unabhängigkeit. Dabei ging es unter anderem um finanzielle Belastungen im Arbeitsleben sowie um die langfristigen Folgen bestehender Einkommensunterschiede. Besonders deutlich wird die Lücke bei den eigenen Alterseinkünften: Frauen in Deutschland verfügen im Durchschnitt über 36 Prozent weniger eigene Alterseinkünfte als Männer.
Am Nachmittag stand der persönliche Austausch im Mittelpunkt. In einer Fallstudien-Werkstatt diskutierten die Teilnehmenden in Kleingruppen konkrete Situationen aus dem Arbeitsalltag und teilten auch persönliche Erfahrungen mit Benachteiligung und Diskriminierung. Gemeinsam wurden Handlungsmöglichkeiten erarbeitet: Wie kann man sich in schwierigen Situationen Gehör verschaffen? Wie lassen sich bestehende Strukturen hinterfragen? Und welche Verantwortung tragen Führungskräfte und Unternehmen?
Offener Austausch als wichtiger Impuls
Wie groß der Gesprächsbedarf ist, zeigte sich auch daran, dass die Diskussionen bis zum Ende der Veranstaltung und darüber hinaus fortgeführt wurden. Dabei wurde deutlich: Veränderungen beginnen damit, bestehende Strukturen sichtbar zu machen, Erfahrungen offen anzusprechen und unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen.
„Über Macht und Geld sprechen Frauen noch zu selten. Genau das haben wir im Gender Equality Lab getan. Beides verstehen wir als Befähigung: Macht, um Entscheidungen mitzugestalten, und Geld, um unabhängig zu bleiben. Unternehmen tragen dafür Verantwortung, denn faire Strukturen und faire Bezahlung sind die Voraussetzung, dass aus ‚Macht über‘ ‚Macht mit‘ wird“, sagt Prof. Dr. Claudia Brözel, LEAD³-Projektleitung und Professorin für Tourismusökonomie an der HNEE.
Auch die Teilnehmenden nahmen unterschiedliche Impulse aus dem Tag mit. Lynn Benda (Tourismus Turn) betonte einen neuen Blick auf das Thema Macht: „Man kann Macht auch anders sehen, und zwar um andere zu befähigen.“ Tim Fischbach (Lufthansa Group) verwies auf die Verantwortung der Unternehmen: „Das können Arbeitszeitmodelle sein, die Führung auch in Teilzeit ermöglichen. Und es braucht Vorbilder.“
Für Yudum Korkut (Visit Berlin) bedeutet Geschlechtergerechtigkeit, dass Frauen bei allen Themen tatsächlich mitsprechen können. Anja Brake (Chamäleon Reisen) betonte: „Wir haben so viele topfitte Frauen im Tourismus, sie prägen die Branche und sollten die Zukunft gestalten.“ Tatjana Peters (Futouris e.V.) bezeichnete den Tag als „den ersten wichtigen Schritt: Bewusstsein schaffen, um dann Stück für Stück etwas zu verändern.“ Ovid Jacota (Earth Rise) hob schließlich die Bedeutung der Sichtbarkeit hervor: „Die Inhalte sind großartig, aber die Sichtbarkeit ist noch viel wichtiger.“
Auftakt für weitere Veranstaltungen
Das Gender Equality Lab war die erste von insgesamt drei geplanten öffentlichen Veranstaltungen im Rahmen des LEAD³-Projekts der HNEE. Das nächste Gender Equality Lab ist für Herbst 2027 geplant. Ziel des Projekts ist es, Geschlechtergerechtigkeit in der Tourismusbranche sichtbar zu machen, Wissen zu vermitteln und konkrete Veränderungen in Unternehmen und Organisationen anzustoßen.
Bilder der Veranstaltung sind hier zu finden.
Über LEAD³
LEAD³ steht für Learn. Empower. Advance. Develop. Das Projekt der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) stärkt 36 Frauen mit individuellem Coaching, begleitet 12 Unternehmen der Tourismusbranche beim Strukturwandel und sensibilisiert die gesamte Branche mit Formaten wie dem Gender Equality Lab. LEAD³ läuft bis Oktober 2028 und wird im Rahmen des Programms „Wandel der Arbeit sozialpartnerschaftlich gestalten“ aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+) sowie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales gefördert. Mehr unter www.empowher.today/lead3.
