DIE REISEWIRTSCHAFT - Alle Ziele. Eine Stimme.
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Mit Botschafter Markus Potzel, Krisenbeauftragter des Auswärtigen Amtes

In den kommenden Wochen starten wieder Millionen Deutsche in ihren vorausgebuchten Urlaub. Das Thema Sicherheit spielt dabei eine wichtigere Rolle denn je. Wesentliche Fragen zum politischen Krisenmanagement und der Zusammenarbeit mit dem DRV beantwortet Botschafter Markus Potzel, der Krisenbeauftragte des Auswärtigen Amtes.

In den vergangenen zwei Jahren haben die Anschläge in Europa zugenommen. Inwieweit hat das Ihre Arbeit verändert?

Qualitativ hat das unsere Arbeit nicht verändert, denn unser Krisenreaktionszentrum ist grundsätzlich darauf vorbereitet, sich umgehend um jede Art von Krise zu kümmern – auch Terroranschläge, auch in Europa. Jedoch haben wir in den vergangenen zwölf Monaten noch etwas mehr Zeit und Aufwand in Übungen, Beratung und Fortbildung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Ausland investiert. Auch an Orten, die nicht zur Kategorie der ausgewiesenen Krisenposten zählen, haben wir Prozesse geschärft und die Fähigkeiten verbessert, um gegebenenfalls rasch und angemessen reagieren zu können.

Wann wird der Krisenstab einberufen und wie schnell ist er einsatzbereit?

Der Krisenstab der Bundesregierung wird im Auswärtigen Amt einberufen, sobald sich abzeichnet, dass wir uns um eine veritable Krise kümmern müssen, bei der eine größere Zahl Deutscher zu Schaden gekommen sein könnte. Der Krisenstab wird von Bundesminister Gabriel einberufen und tagt – wenn nicht unter seinem eigenen Vorsitz – unter dem Vorsitz des Staatssekretärs, oder er wird von mir geleitet. Dem Krisenstab gehören alle in der Sache kompetenten Institutionen des Bundes an, oft auch Nichtregierungsorganisationen, manchmal aber auch der Sicherheitsbeauftragte des DRV, wenn wir davon ausgehen müssen, dass auch Touristen aus Deutschland betroffen sein könnten. Ein Krisenstab tritt regelmäßig ein bis zwei Stunden nach Eingang der Erstmeldung bei uns zusammen. Diese Zeit benötigen wir, um ein belastbares Lagebild zu erhalten, über das beraten werden kann. Und diese Zeit geben wir den Mitgliedern des Krisenstabs, um nachts oder am Wochenende ins Auswärtige Amt zu kommen.

Wer ist in die Krisenreaktion eingebunden?

Grundsätzlich arbeiten wir mit allen zusammen, die uns in einer Lage helfen können oder die mittelbar oder unmittelbar davon betroffen sind. Eine ganz zentrale Rolle spielen natürlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Auslandsvertretungen, die die ersten sind, die sich auf den Weg zum Ort der Krise oder zu den deutschen oder europäischen Staatsangehörigen machen, die unsere Hilfe benötigen. Vor Ort sind wir regelmäßig auch abhängig von der Zusammenarbeit mit der Polizei, den Rettungsdiensten und den Katastrophenschutzbehörden des Gastlandes und kooperieren eng mit anderen ausländischen Vertretungen, die vor der gleichen Herausforderung stehen wie wir.

Im Inland benötigen wir regelmäßig die Unterstützung der Sicherheitsbehörden, etwa der Polizei bei der Suche nach und Benachrichtigung von Familienangehörigen. Wir benötigen Flugkapazitäten für Evakuierungen, sei es zivil oder Flugzeuge der Luftwaffe. Und wir koordinieren im Krisenstab auch humanitäre Hilfslieferungen bei Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Wirbelstürmen. Das sind aber nur einige Beispiele.

Welche Bedeutung hat der DRV für die Krisenreaktion?

Wir arbeiten regelmäßig und eng mit dem DRV und seinen Mitgliedsunternehmen zusammen. Das fängt bereits lange vor Ausbruch einer Krise beim Austausch über die Entwicklung der Sicherheitslage an populären Zielorten deutscher Urlauber an. In einem akuten Krisenfall erhalten wir dann über den DRV umgehend belastbare Gästezahlen für die betroffene Region und direkte Kontakte zu Veranstaltern und deren Agenturen vor Ort. Das hilft, das verkürzt unsere Reaktionszeit.

Wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus und welche Erfahrungen haben Sie mit dem DRV in schwierigen Situationen gemacht?

Konkret haben wir einen direkten Draht zum DRV, der auch nachts und sonntags funktioniert, wenn es denn sein muss. Wir sehen einander regelmäßig, erläutern unter Vermittlung des DRV Reiseveranstaltern unsere Arbeit und geben Rat, wie sich diese Unternehmen auch selbst noch besser aufstellen können. Letztlich springen wir in Notfällen nur ein, wenn sich Reisende oder deren Veranstalter nicht mehr selbst helfen können, die Lage also so gravierend ist, dass deren Vorsorgemaßnahmen nicht mehr greifen. Wir haben also ein originäres Interesse daran, dass Reiseveranstalter eigene, kompetente Krisenvorsorge betreiben.

Wie bereitet sich das Auswärtige Amt auf Krisensituationen vor?
Wie werden zum Beispiel Krisenpläne für Urlaubsgebiete erstellt?

Alle unsere Auslandsvertretungen sind gehalten, jederzeit aktuelle Krisenpläne vorzuhalten. Wir haben von Berlin aus Zugriff auf diese Planungen und können fachlich nachsteuern. Darüber hinaus fahren wir regelmäßig an ausgewählte Orte, um die Planungen dort zu erweitern – weil sich dort möglicherweise besonders viele deutsche Staatsangehörige aufhalten oder weil wir dort die Risiken als erhöht bewerten.

Dabei stimmen wir uns auch vor Ort mit deutschen Reiseveranstaltern ab, bewerten deren eigene Vorkehrungen und richten uns gemeinsam auf mögliche Szenarien ein. Das hat sich bisher bewährt, auch wenn am Ende immer die Hoffnung bleibt, dass nichts passieren möge. Aber darauf allein wollen wir uns nicht verlassen.