DIE REISEWIRTSCHAFT - Alle Ziele. Eine Stimme.
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Interview mit den DRV-Vizepräsidenten Ralf Hieke und Andreas Heimann

Seit Mitte Juni liegt der Referentenentwurf zur Umsetzung der EU-Pauschalreiserichtlinie vor. Zwar können Reisebüros weiterhin Einzelleistungen verkaufen. Sie müssen allerdings unverhältnismäßigen Aufwand betreiben, um nicht in die Veranstalterhaftung zu geraten. Die DRV-Vizepräsidenten Ralf Hieke (mittelständische Reisemittler) und Andreas Heimann (konzerngebundene Reisemittler) dazu im Interview zu den Auswirkungen des ersten Entwurfes zur Umsetzung der EU-Pauschalreiserichtlinie in deutsches Recht und zu den nächsten Schritten des Verbandes:

Herr Hieke, ihre erste Reaktion?

Ralf Hieke: Ich bin enttäuscht. Gegen alle Beteuerungen und Versprechen der Politik werden wir in Zukunft an vielen Stellen vom Mittler zum Reiseveranstalter. Online kann diese Regelung jedoch mühelos umgangen werden – das ist absurd.

Herr Hieke, welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Vorschlag für das Tagesgeschäft im Reisebüro?

Ralf Hieke: Die Hauptforderung des DRV für die Umsetzung der EU-Pauschalreiserichtlinie in deutsches Recht war eine praxistaugliche Regelung für Reisebüros zu finden, die im Kundenauftrag verschiedene Reiseleistungen verkaufen. Dieses Ziel wird durch diesen Vorschlag eindeutig nicht erreicht. Zwar wird sich für den Verkauf von Komplettpaketen bzw. Pauschalreisen nichts ändern. Doch beim Verkauf von Einzelleistungen (etwa Flug, Hotel etc. von unterschiedlichen Anbietern) besteht nun die Gefahr, dass Reisebüros dann rechtlich wie ein Reiseveranstalter behandelt würden. Das heißt also, sie wären für den reibungslosen Ablauf der Reise verantwortlich und würden gegebenenfalls haften. Denn die neue Richtlinie erweitert den Pauschalreisebegriff und sieht besondere Regeln für so genannte verbundene Reiseleistungen vor.

Was heißt das konkret, Herr Heimann?

Andreas Heimann: Der Referentenentwurf ist in seiner vorliegenden Form nicht praxisgerecht. Denn der für die Umsetzung in deutsches Recht vorgeschlagene Weg, um eine Veranstalterhaftung zu umgehen, ist sehr aufwändig und bürokratisch. Im Geschäftsalltag müsste das Reisebüro dem Kunden dann jede einzelne Leistung separat in Rechnung stellen. Dabei muss erst die erste Buchung abgeschlossen werden mit Rechnungserstellung einschließlich Bezahlung dieser Leistung. Erst dann kann die nächste Reiseleistung ausgewählt, gebucht und bezahlt werden. Und danach die dritte etc.
Kunden würden sich fragen, warum sie die Leistungen nicht in einem Gesamtbetrag bezahlen könnten und warum sie entgegen der bisherigen Praxis bei jedem Baustein separat unterschreiben müssen. Das würde für alle Beteiligen – Kunde wie Reisebüro – aufwändiger, langwieriger und damit viel umständlicher. Zusätzlicher Aufwand bedeutet auch zusätzliche Kosten. Weitere Aufwendungen entstünden durch zusätzliche Versicherungen für die Absicherung von möglichen Haftungsrisiken. Für viele Reisebüros wäre all dies kaum zu schultern und somit sogar existenzbedrohend. Denn sie müssten sich fragen, ob ihr Geschäftsmodell in der bisherigen Form noch wirtschaftlich ist.

Herr Hieke, gibt es Alternativen?

Ralf Hieke: Will ein Reisemittler sämtlichen Auflagen entgehen, muss er den Kunden nach Buchung der ersten Reiseleistung nach Hause schicken und ihn bitten, mindestens 24 Stunden verstreichen zu lassen, um dann erst nach dieser Frist wiederzukommen. Erst dann kann er eine zweite Reiseleistung für ihn buchen, ohne den Auflagen verbundener Reiseleistungen Rechnung tragen zu müssen (z.B. Informationspflichten und Insolvenzabsicherung der Gelder, die er vom Kunden annimmt). Die Arbeit für Reisebüros, die Einzelleistungen für Ihre Kundschaft selbsttätig zusammenstellen und verkaufen wollen, wird also sicherlich mühseliger. Sie müssen nicht nur den Kunden darüber unterrichten, dass dieser keine Pauschalreise erwirbt, sondern den Kaufvorgang zu jeder Einzelleistung einzeln abschließen, um sicherzugehen, dass sie nicht in die Veranstalterhaftung geraten. Und der Kunde müsste dann in vielen Fällen mehrmals seine EC-Karte zücken. Das ist doch schwer vermittelbar.

Was muss jetzt passieren, Herr Heimann?

Andreas Heimann: Fakt ist zunächst, dass der Gesetzgeber noch nichts Endgültiges beschlossen hat. Dies ist ein erster Entwurf, doch er lehnt sich sehr stark an die Vorgaben der Richtlinie an, die das EU-Parlament am 27. Oktober 2015 verabschiedet hat. Die Zusicherungen von deutschen Regierungsvertretern und aus den Reihen der Abgeordneten, dass sich am Alltagsgeschäft der Expedienten kaum etwas verändern wird, finden sich hier aus unserer Sicht nicht wieder Wir aber erwarten von den Politikern, dass sie zu ihrem Wort stehen und sich für eine verträglichere Lösung einsetzen.

Herr Hieke, was sind die nächsten Schritte? Was hat der Verband bereits in die Wege geleitet und wie geht es weiter?

Ralf Hieke: Der Rechtsausschuss des DRV hat sich sofort nach Veröffentlichung des Entwurfes in einer Sitzung damit beschäftigt. Eine Arbeitsgruppe wird bis Ende Juli eine Stellungnahme für das Bundesjustizministerium erarbeiten. Am 23. August findet eine Anhörung der Verbände im Justizministerium statt. Dort bringen wir die Argumente des Reisevertriebs auf Grundlage des Entwurfes erneut ein. Der DRV hat unverzüglich sämtliche Parlamentarischen Staatssekretäre beim Bundeswirtschafts- und Justizministerium sowie die Bundestagsabgeordneten, die mit dem Thema befasst sind, kontaktiert und auch in Schreiben nochmals auf die Probleme und die Unmöglichkeit der Umsetzung hingewiesen. Erste  Gespräche mit Entscheidungsträgern in der Verwaltung und Politik sind bereits geführt worden – weitere stehen noch an. Schließlich haben wir unsere Mitglieder zur Beteiligung an einer Online-Erhebung aufgerufen, um die Folgewirkung der Gesetzgebung auf die Praxis am Counter in konkrete Zahlen packen zu können.